23.06.2028 – Ein Nachruf auf das Automobil

Kein anderes Verkehrsmittel hatte unser Verständnis von Mobilität, Logistik und Städteplanung in den letzten beiden Jahrhunderten so stark geprägt, wie das Automobil. Es bescherte uns Wohlstand durch millionenfachen Export, schaffte unzählige Arbeitsplätze im Inland, verwandelte öffentliche Plätze, sowie Acker- und Waldflächen zu Betonwüsten und mauserte sich über die Jahre hinweg zum materiellen Statussymbol der Deutschen. Die Automobilbranche wusste ihre Modelle zu vermarkten, indem sie sie zu Lifestyle-Produkten erhob und das Automobil durch seine Ungebundenheit als Freiheitssymbol in den Köpfen der Menschen verankerte. Dies bescherte ihr einen unaufhaltsamen Siegeszug, gestützt sowohl von der Nähe zur Politik als auch einer breiten Anhängerschaft in der Bevölkerung – bis ins Jahre 2018.

Denn vor 10 Jahren regte sich plötzlich ein erster Widerstand gegen die mächtige Branche. Zuerst sah es noch so aus, als ob die Autohersteller jegliche Skandale wegstecken und unbeirrt weiterproduzieren könnten. Kartellaffären, Dieselgate, unethische Abgastests an Affen, miese Luft in urbanen Zentren – die Politik stärkte der Industrie weiterhin den Rücken, während diese Jahr für Jahr Rekordgewinne einsteuerte. Langsam aufkommende Kritik konterte man mit teils absurden Ideen: Selbstfahrende Autos sollten die Straßen sicherer machen, elektronische Motoren die Luft sauberer und die, 2018 zur Staatsministerin für Digitales ernannte, Unterfränkin Dorothee Bär sinnierte in einem Interview gar von fliegenden Taxis. Im Fortschrittsdenken festgefahren hoffte man mal wieder auf die erlösende technische Innovation, die uns Menschen aus der Klemme helfen sollte. Nur ging der Plan, wie so oft, nicht auf. Was nützen dem Klima etwas sauberere Dieselmotoren, wenn durch eine sogenannte „Umweltprämie“ tausende Autos verschrottet und neue produziert werden müssen? Wer profitiert von selbstfahrenden Autos, wenn immer mehr Geländewagen die städtischen Freiflächen besetzen? Und wer möchte zukünftig schon mit einem fliegenden Taxi im himmlischen Stau stehen?

So notwendig manche technische Neuerung für den Straßenverkehr auch sein mochte, so fatal war der damalig vorherrschende Irrglauben an ein alleiniges Heil im Fortschritt. Doch so langsam begriffen einige Bürger, dass jede Innovation auch immer neue Probleme hervorruft, sollte kein radikales Umdenken stattfinden. Der Gedanke war simpel: Möchte man eine Stadt für Jedermann mit sauberer Luft zum Atmen und genügend Raum für gesellschaftliches Miteinander, so muss das Automobil, knapp 100 Jahre nach seiner Eroberung der urbanen Zentren, ebenjene Innenstädte verlassen. Ein gestärkter ÖPNV, sowie ein besser ausgebautes Radwegenetz bräuchte keinerlei großartigen Neuerfindungen, so die Idee. Eine Entschleunigung und Mäßigung der Mobilität würde den Stress der Stadtbewohner deutlich reduzieren und Freiraum schaffen für mehr öffentliche Plätze oder bezahlbaren Wohnraum.

Die Anfänge des „Autofreien Tages Würzburg“ vor zehn Jahren waren beschwerlich. Die einzige Unterstützung, die die kleine Gruppe an Würzburgern bei ihrer ersten Aktion am 23.06.2018, bekam, war die ihrer engsten Freunde und Bekannten, die sowieso weitestgehend auf ihr Auto verzichteten. Die Politik, die bis zuletzt versucht hatte durch allerlei mögliche Maßnahmen, ein Fahrverbot schmutziger Dieselmotoren zu verhindern, scheute sich noch vor einer derart radikalen Veranstaltung. Die Einzelhändler der Stadt waren von der Angst geplagt, dass ihnen ohne Autos an diesem Samstag auch die Kunden ausbleiben könnten und viele Bürger konnten sich einen Tag des Vierrad-Verzichts einfach nicht vorstellen. So begann der erste Autofreie Tag in kleiner Runde, was die Veranstalter aber nicht weiter entmutigte. Denn alle Teilnehmer, die auch selbst zum Tagesprogramm beigetragen hatten, berichteten noch lange von der tollen Atmosphäre und dem Gemeinschaftsgefühl. Viele ältere Bürger fühlten sich zurückerinnert an die 70er Jahre, als sie an den, aufgrund der Ölkrise ausgerufenen, Autofreien Sonntagen mit ihren Freunden auf der Straße Ball spielen konnten. Nun waren es ihre Kinder und Enkelkinder, die auf den wenigen gesperrten Straßen der Würzburger Innenstadt spielen, tanzen und lachen konnten, ohne sich vor herannahenden Autos fürchten zu müssen.

In den folgenden Jahren nahm die Aktion allmählich an Fahrt auf. Immer mehr Straßen und Parkplätze wurden an diesem besonderen Tag im Jahr für Autofahrer gesperrt. Die Stadt Würzburg und ihre Kommunalpolitiker fanden Gefallen an der Idee, ebenso entdeckten immer mehr Bürger die Lust am Fahrradfahren und Spazierengehen auf den freien Verkehrswegen. Messstationen signalisierten eine enorme Verbesserung der Luftqualität und die Menschen bekamen einen Sinn dafür, wie viel mehr Platz ihnen die Stadt bietet, sollten alle PKWs aus dem Zentrum verdrängt werden. Nach nur fünf Jahren beschloss der Stadtrat, einen Autofreien Tag pro Woche einzuführen. Gleichzeitig wurden Parkflächen Stück für Stück zu Grünflächen umgewandelt, Autostraßen nach und nach zu Fahrradwegen transformiert. Man investierte weiter in den Ausbau des ÖPNV und errichtete Park-and-Ride-Systeme am Stadtrand.

Innerhalb von 10 Jahren geschah, was niemand für möglich gehalten hatte: Das Auto wurde vollkommen aus der Würzburger Innenstadt verbannt. Auf den einspurigen Straßen des Zentrums verkehren nun nur noch Krankenwagen, Taxis, und, zu bestimmten Zeiten, motorisierter Lieferverkehr (obwohl auch hier der Großteil der Fahrten von Fahrradtaxis und Cargobikes übernommen wird). Die Krankenhäuser der Stadt melden heute einen massiven Rückgang an Atemwegserkrankungen, sowie deutlich weniger stressbedingte Leiden. Die Würzburger bewegen sich mehr und leben viel gesünder. Nachdem mit dem automobilen Verkehr auch die größte Lärmquelle die Innenstadt verlassen hatte, vernimmt man nun sogar das liebliche Singen der Vögel wieder in aller Deutlichkeit. Würzburg ist somit im Jahre 2028 zur Modellstadt gereift und ein Vorbild für andere deutsche Kommunen geworden, die ihre Städteplanung neuerdings nach dem „Würzburger Modell“ ausrichten möchten. Das Automobil vermisst hier keiner mehr – im Gegenteil schüttelt man heute ungläubig den Kopf darüber, wie man noch vor einer Dekade so abhängig von einem derart unnützen Verkehrsmittel sein konnte.

S.H.

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